Wenn sich Wandel aufaddiert: Change Fatigue in der digitalen Transformation der Landesverwaltung
Art der Abschlussarbeit
- Masterarbeit
Status der Arbeit
- Angeboten
Betreuer/in
Hintergrundinformationen zu der Arbeit
Die Landesverwaltung Schleswig-Holstein durchläuft derzeit einen der umfangreichsten Technologiewechsel im deutschen öffentlichen Sektor. Nach Angaben der Landesregierung waren Anfang Dezember 2025 rund 80 Prozent der Arbeitsplätze außerhalb der Steuerverwaltung auf LibreOffice umgestellt und knapp 44.000 E-Mail-Postfächer auf Open-Xchange migriert [1]. Der Umstieg betrifft dabei nicht nur die Office-Suite: Die Open-Source-Strategie des Landes umfasst ebenso das Betriebssystem (GNU/Linux statt Windows), die Groupware, die Kollaborationsplattform (Nextcloud statt SharePoint), das Identitätsmanagement sowie die Telefonie [2]. Für die Beschäftigten bedeutet das mehrere tiefgreifende Veränderungen ihrer täglichen Arbeitsumgebung in kurzer Folge, zusätzlich zu den ohnehin laufenden Vorhaben der Verwaltungsdigitalisierung wie E-Akte, OZG-Umsetzung oder ersten KI-Anwendungen.
Die Reaktionen reichen von Zustimmung bis zu offenem Protest. Im September 2025 warnten die Gerichtspräsidentinnen und -präsidenten des Landes gemeinsam mit der Generalstaatsanwaltschaft in einem Brief vor einer „massiven Beeinträchtigung der Gerichte“; der Digitalisierungsminister entschuldigte sich daraufhin schriftlich bei den Beschäftigten [3]. Zugleich fällt das Gesamturteil keineswegs einhellig negativ aus, die Umstellung gilt trotz der Umstellungsprobleme als praxistauglich [4]. Auffällig ist, dass sich der Unmut vielfach nicht gegen das Ziel der digitalen Souveränität als solches richtet, sondern gegen Kumulation und Taktung der Veränderungen.
Genau hier setzt die Arbeit an. Die Forschung zu Veränderungswiderstand betrachtet Wandel überwiegend als Einzelereignis. Der Fall Schleswig-Holstein legt jedoch nahe, dass die entscheidende Wirkung von der Aufaddierung ausgeht: Was in einem einzelnen Vorhaben gut begründet und beherrschbar erscheint, kann in der Summe zu Erschöpfung, Zynismus und Rückzug führen, in der Literatur als Change Fatigue beschrieben. Offen ist insbesondere, ob individuelle Ressourcen, die Wandel sonst erleichtern (etwa Vertrauen in Technologie oder eine generelle Veränderungsbereitschaft), unter Bedingungen häufigen Wandels ihre Schutzwirkung verlieren.
Hinzu kommt ein Wertekonflikt, der den Fall theoretisch besonders interessant macht: Technologische Autarkie beziehungsweise digitale Souveränität steht potenziell in Spannung zu Erwartungen an Stabilität, Usability und unmittelbare Arbeitsfähigkeit. Wie Beschäftigte diese Spannung für sich auflösen und welche Rolle dabei individuelle Unsicherheits- beziehungsweise Ambiguitätstoleranz spielt, ist bislang kaum untersucht.
Mögliche Fragestellungen
Die folgenden Fragen skizzieren den Möglichkeitsraum; die konkrete Fragestellung wird gemeinsam im Exposé geschärft.
- Wie erleben Beschäftigte der Landesverwaltung die Abfolge mehrerer Technologiewechsel, und woran machen sie Belastung fest?
- Verlieren Technologievertrauen und Veränderungsbereitschaft ihre positive Wirkung, wenn sich Wandel aufaddiert, wirkt Change Fatigue also als Moderator?
- Welche Rolle spielt Unsicherheitstoleranz im Umgang mit wiederholten Unwägbarkeiten?
- Wie gehen Beschäftigte mit dem Spannungsverhältnis zwischen digitaler Souveränität und Alltagstauglichkeit um, und entlang welcher Linien verläuft Zustimmung oder Ablehnung?
- Welche organisationalen Bedingungen (Beteiligung, Kommunikation, Support, Taktung der Vorhaben) dämpfen oder verstärken Change Fatigue?
Mögliches Vorgehen
Die Arbeit ist methodisch bewusst offen ausgeschrieben. Möglich sind:
- ein qualitatives Design mit Leitfadeninterviews in ausgewählten Behörden, ergänzt um Dokumenten- und Medienanalyse;
- ein quantitatives Design mit standardisierter Befragung unter Rückgriff auf etablierte Skalen (Change Fatigue, Resistance to Change, Trust in Technology, Ambiguitätstoleranz) und Prüfung von Moderations- beziehungsweise Mediationseffekten;
- ein Mixed-Methods-Design mit qualitativer Vorstudie zur Exploration der Problemlage und anschließender Erhebung.
Erwartet wird, dass Sie sich im Exposé für ein Vorgehen entscheiden und diese Wahl begründen.
Quellen
[1] Landesregierung Schleswig-Holstein, Pressemitteilung vom 04.12.2025: „LibreOffice ersetzt Microsoft: Schon fast 80 Prozent der Arbeitsplätze auf quelloffene Office-Lösung umgestellt – Schleswig-Holstein zeigt, digitale Souveränität ist möglich und wirtschaftlich“, https://www.schleswig-holstein.de/DE/landesregierung/ministerien-behoerden/I/Presse/PI/2025/cds/251204_cds_open-source
[2] Landesregierung Schleswig-Holstein, o.J.: „Säulen des digital souveränen Open-Source-Arbeitsplatzes“, https://www.schleswig-holstein.de/DE/landesregierung/themen/digitalisierung/linux-plus1/Projekt
[3] it-daily.net vom 25.09.2025: „Open Source im Landtag: Kommunikation in der Kritik“, https://www.it-daily.net/shortnews/open-source-landtag-kommunikation-kritik
[4]heise online vom 06.01.2026: „Schleswig-Holstein: Open Source ist praxistauglich trotz Umstellungsproblemen“. https://www.heise.de/news/Schleswig-Holstein-Open-Source-ist-praxistauglich-trotz-Umstellungsproblemen-11131005.html
Literatur
Einstiegsliteratur
Bernerth, J. B., Walker, H. J., & Harris, S. G. (2011). Change fatigue: Development and initial validation of a new measure. Work & Stress, 25(4), 321–337.
de Vries, M. S. E., & de Vries, M. S. (2023). Repetitive reorganizations, uncertainty and change fatigue. Public Money & Management, 43(2), 126–135.
Wynen, J., Kleizen, B., & Verhoest, K. (2019). Are public organizations suffering from repetitive change injury? A panel study of the damaging effect of intense reform sequences. Governance, 32(4), 695–713.
Oreg, S. (2003). Resistance to change: Developing an individual differences measure. Journal of Applied Psychology, 88(4), 680–693.
Rafferty, A. E., & Griffin, M. A. (2006). Perceptions of organizational change: A stress and coping perspective. Journal of Applied Psychology, 91(5), 1154–1162.
Armenakis, A. A., Harris, S. G., & Mossholder, K. W. (1993). Creating readiness for organizational change. Human Relations, 46(6), 681–703. https://doi.org/10.1177/001872679304600601
McKnight, D. H., Carter, M., Thatcher, J. B., & Clay, P. F. (2011). Trust in a specific technology: An investigation of its components and measures. ACM Transactions on Management Information Systems, 2(2), Artikel 12, 1–25.
Furnham, A., & Ribchester, T. (1995). Tolerance of ambiguity: A review of the concept, its measurement and applications. Current Psychology, 14(3), 179–199.